Frühjahrs-Journal 2025 – Medienarchiv Günter Grass Stiftung Bremen
Grass‘ Wörter
Und wenn in absehbarer Zukunft
Trinkwasser teurer als Benzin sein wird,
ist das kein Aprilscherz,
vielmehr marktkonform,
was dem Wettbewerb förderlich sein könnte.
Aus dem Grass-Gedicht „April April!“
Liebe Literaturverbundene,
in Grimms Wörter, das zu den drei autobiografischen Werken von Günter Grass gehört und 2010 erstmals erschienen ist, schreibt der Autor: „Gewiß, noch bleibt Neugierde auf den kommenden Frühling, die Spargel-, die Erdbeerenzeit. Die geplante August-Bebel-Stiftung will auf den Weg gebracht, das wahrscheinlich letzte Buch für den Druck fertig werden. … Doch da mir, umringt von mehr und mehr Ungewißheiten, einzig der Tod gewiß ist, will ich ihn … als ungeladenen, aber unumgänglichen Gast empfangen und allenfalls mit der Bitte belästigen: Mach es kurz und schmerzlos.“
Vor zehn Jahren, am Frühlingstag des 13. April 2015, ist Günter Grass in Lübeck gestorben. Er hat ein faszinierendes Gesamtkunstwerk hinterlassen – und doch ein unvollendetes. Um mit Grass‘ Worten zu sprechen: Ein Rest blieb ungesagt. Denn nichts ist erledigt. Der Stein bleibt nicht oben, sondern muss ständig bewegt werden, hält einen selbst in Bewegung. Das wusste der Sisyphos-Anhänger, der im Steinewälzer ein glückliches Wesen erkannte.
Einer wie Grass fehlt, weil er uns auch heute noch viel zu sagen und zu geben hätte. Marcel Reich-Ranicki, zu Lebzeiten einer der schärfsten Grass-Kritiker, bewunderte nichtsdestotrotz den „Sprachkünstler, der eine hämmernde Diktion geschaffen hat“. Bei alledem war der Literaturnobelpreisträger am Schreibpult ebenso talentiert wie am Modelliertisch, die zeitweise nebeneinander in seinem Atelier standen. Er konnte kunstvoll vom Text zur Skulptur, zur Zeichnung, zur Radierung und zum Aquarell wechseln.
Aus unserem Medienarchiv
Und Grass ist immer wieder da. Gerade ist im Pariser Verlag Seuil die Übersetzung von „Figurenstehen“ herausgekommen. Diese „Legende“ schuf er über Jahre in seinem dänischen Feriendomizil. Erst 2022 wurde sie im Steidl Verlag veröffentlicht. Darin entdeckt der Autor im Chor des Naumburger Doms eines der Meisterwerke gotischer Bildhauerkunst: die Skulpturen der zwölf Stifter. Unter ihnen ist die Markgräfin Uta, ein Beispiel mittelalterlicher weiblicher Schönheit. Die französische Ausgabe, von Olivier Mannoni übersetzt, trägt den Titel „Prendre la pose“ – eine Pose einnehmen.
Suppengedicht und Milchmärchen
Zum 75. Geburtstag von Günter Grass veröffentlichte die FAZ einen ABC-Katalog über Leben und Werk des Schriftstellers. Alle Buchstaben versammelten reichlichen Grass-eigenen Stoff, bis auf eine Ausnahme: X. Die kleine Lücke störte die Zeitung offenbar nicht: „Xanthippe – ‚Die böse Frau Xanthippe heißt,/ Die ihren Mann am Halstuch reißt‘, heißt es in einem Gedicht. Leider stammt es nicht von Grass, sondern von Frank Wedekind.“
Wedekind und Grass? Eine lockere Verbindung führt in die Lebensmittelbranche, über würzige und milchige Produkte. Als junge Dichter betätigten sich beide als Werbetexter. Frank Wedekind (1864-1918) bei Maggi in der Schweiz, Günter Grass bei Bolle in Berlin. Bis zum Vorsteher des Reclamebüros schaffte es der spätere Schweizer Dramatiker beim Hersteller von Suppen und Speisewürze. Er belobigte die Produkte mal als „Göttermahl“, dann als Mittel zur „Frauen-Emancipation“. Wedekind ließ sich, als dem Alltag die Schrecken zweier Kriege noch fremd waren, zu einem überschwänglichen Reim inspirieren:
„Vater, mein Vater!
Ich werde nicht Soldat,
derweil man bei der Infanterie
nicht Maggi-Suppen hat.“
„Söhnchen, mein Söhnchen!
Kommst du erst zu den Truppen,
so isst man dort auch längst nur
Maggi’s Fleischconservensuppen.“
Günter Grass hat seinen Ausflug in die Reklamewelt in seiner Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ beschrieben. Er textete für die Meierei Bolle, die 1956 ihr 75-jähriges Bestehen und die Eröffnung erster Selbstbedienungsläden in einer Festschrift feiern wollte. Der Bildhauer und Freund Karl Oppermann hatte ihm den Auftrag und damit einen lukrativen Verdienst für den noch ziemlich mittellosen Grass verschafft. „Also schrieb ich mit meiner Olivetti, dem Hochzeitsgeschenk, unter der Überschrift ‚Heiden bekehren oder Milch verkaufen?‘ sechs sieben Seiten, die dann in hoher Auflage – es sollen dreihundertfünfzigtausend Exemplare gewesen sein – gedruckt und als Postwurfsendung an Westberliner Haushalte verteilt wurden: mein erstes großes Publikum. Und doch nur ein Nebenprodukt, von dem ich kein Belegexemplar besitze, aus dem zu zitieren wäre, das aber Carl Bolle, den ersten und legendären Verkäufer von Frischmilch in einer Großstadt … mit lustigen Einfällen feierte, mir gut dreihundert Mark einbrachte und dreißig Jahre später von der immer noch profitablen Firma gegen ein weit höheres Honorar nachgedruckt worden ist: mein Milchmärchen.“
Der Bremer Journalist Kai Schlüter hat eine wunderbare Geschichte über die Werbeaktivitäten eines Günter Grass geschrieben, erschienen im Ch. Links Verlag: Günter Grass: Das Milch-Märchen
Nein, neben Uta von Naumburg sitzt Anna Grass nicht, sondern auf einer Bank im schweizerischen Lenzburg, ihrem Geburtsort. Von der Anhöhe aus blickt die 92-Jährige auf das Schloß mit der mittelalterlichen Burganlage und dem Barockgarten. Frank Wedekind verbrachte hier seine Jugendjahre. Der Großvater von Anna, geborene Schwarz, ging mit ihm in die Schule. Als Heranwachsende wandelte sie mit ihrer ältesten Schwester unterhalb der Burgmauern gerne und manchmal heimlich auf Wedekinds Spuren – mit der ersten Flasche Wein unter dem Arm. An diesem historischen Ort sah sie eine der beeindruckendsten, dabei unvergesslichen Aufführungen von „Frühlings Erwachen“, Wedekinds berühmter Kindertragödie. Anna Grass, die ehemalige Balletttänzerin und Malerin, die von 1954 bis 1978 mit Günter Grass verheiratet war, verbindet über ihre Urgroßmutter ein verwandtschaftliches Verhältnis mit den Wedekinds. Auch davon wird die Rede sein in einer Ausstellung, die die Günter Grass Stiftung Bremen am 15. September 2025 im Pariser Goethe-Institut eröffnen wird:
Künstlerehepaar Anna und Günter Grass
Von der ‚Blechtrommel‘ bis zum Ballett
Zu guter Letzt
—- Das Künstlerbuch Fundsachen für Nichtleser von Günter Grass basiert auf 116 Aquarellen, die sich heute in der Sammlung Würth befinden. Es ist ein Tagebuch, in dem Bilder und Texte gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Die sogenannte Aquadichte ist nun vollständig in der Sammlung Würth in der Hirschwirtscheuer im baden-württembergischen Künzelsau zu betrachten. „Anstatt die Ereignisse eines bestimmten Tages zu dokumentieren, lädt Grass uns ein, ihn zu begleiten, während er über das Jahr in Erinnerungen schwelgt und seine Gedanken schweifen läßt. Wir werden dazu eingeladen, Grass an diese Orte zu folgen, die Dinge zu sehen, die er gesehen hat, und uns mit seinen Gedanken auseinanderzusetzen, die die Werke begleiten“, heißt es im Flyer zur Ausstellung, die bis Ende des Jahres geöffnet ist. Ein lohnendes Ziel an Wochenenden oder in den Ferien. https://kunstkultur.wuerth.com