Trommelwirbel Herbst 2025

Herbst-Journal 2025 – Medienarchiv Günter Grass Stiftung Bremen

Grass‘ Wörter

„Ich sorge für das Leben meiner Familie, indem ich zeichne, schreibe und koche. Das Kochen bezahlt mir zwar weder der Rundfunk noch ein Verlag, doch fällt mir zumeist über dem Kochtopf ein, was ich zeichnen, was ich schreiben will.“ 

Günter Grass, 1960

Liebe Literaturverbundene, 

der Sommer ist vorbei. Es legen sich „Schatten auf die Sonnenuhren“, wie Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht Herbsttag schreibt. Und er fährt fort:
„Wer jetzt allein ist, wird es bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und auch in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“ 

So macht jede/r seine eigenen Erfahrungen mit der Zeit der Winde und der Ernten. Der Schweizer Journalist und Autor Köbi Gantenbein hat uns seine Gedanken zur dritten Jahreszeit übermittelt: „Da ging ich über Land und sah bei Landquart (Graubünden) dies Ungetüm auf einem Acker. Es ist ein Kartoffel-Vollernter. Und ich dachte an ‚Die Blechtrommel‘, die es nicht gäbe, denn für Anna Koljaiczek wäre kein Platz nirgends zum Kartoffel rösten und Joseph Koljaiczek könnte nicht unter die Röcke, er würde wohl auf den großen Traktor am Feldrand springen und davon brausen. Und so gäbe es Agnes nicht und Oskar nicht und keinen Roman und kein Lesevergnügen. So ist das Leben. Grüßt ein die Blechtrommel grad deswegen immer wieder Lesender.

„Die Blechtrommel“ ist eine Geschichte, die 1899 auf einem Kartoffelacker in der Kaschubei beginnt. Erzählt werden dann fünf Jahrzehnte deutscher Geschichte, bevor die Hauptfigur in einer Pflegeanstalt in Düsseldorf landet.

Am Kanal

Der Canal Saint-Martin im Osten von Paris wird an diesem Tag von milder Herbstsonne beschienen. Viele Pariserinnen und Pariser und mindestens ebenso viele Touristen haben auf den Kaimauern an der 200 Jahre alten Wasserstraße ihren Platz zum Dejeuner gefunden. Der viereinhalb Kilometer lange und zur Hälfe durch einen Tunnel verlaufende Kanal, 

einst zur Trinkwasserversorgung und für Handelsverkehre geschaffene Lebensader der Hauptstadt, lässt sich heute nur noch von Anglern und Ausflugsschiffen in seiner Ruhe stören. Am Canal Saint-Martin wurde Geschichte geschrieben, auch Kriminalgeschichte, beispielsweise in der Rue de l‘Hôpital Saint-Louis um die Ecke vom Kanal. Dort lebte Vincenzo Peruggia, ein Gastarbeiter, dessen Straftat 1911 Weltberühmtheit erlangte. Am 21. August verschwand die Mona Lisa aus dem Louvre. An dem Montag war das Museum wie üblich geschlossen. „Keine Besucher weit und breit. Die fast 200 Museumswärter hatten frei. Nur wenige Menschen schlichen über die weitläufigen Flure. Die Polizei ermittelte später, dass es knapp 60 Personen gewesen seien. Handwerker, Restaurateure, Verwaltungspersonal. Unter ihnen befand sich auch der Dieb. Anders als heute hing die Mona Lisa damals eher unauffällig in einer langen Galerie zwischen anderen Bildern.“ So liest man es in Über die Brücken von Paris von Gernot Gad. Das gerade im Osburg Verlag erschienene Buch ist mehr als eine lesenswerte Reiselektüre, es ist ein literarischer Wanderführer, der 37 Brücken über die Seine nachgeht.

Zwei Jahre lang lag das Gemälde in der engen Wohnung von Peruggia. Als dieser dann in Mailand versuchte, es einem Kunsthändler zu verkaufen, flog das Verbrechen auf. In Italien wurde Peruggia als Held gefeiert, weil der das Meisterwerk von Leonardo da Vinci in sein Heimatland zurückgebracht hatte – vorübergehend, weil illegal; in Paris dagegen wurde er vor Gericht gestellt, erhielt indes mildernde Umstände und schon bald wieder seine Freiheit. Das Bild war unversehrt geblieben. „Es grenzt an ein Wunder. Der Dieb muss es im Versteck und auf der Reise wie einen Augapfel gehütet haben“, notiert Gernot Gad.

Eine kleine Anekdote, die nicht im Brücken-Buch steht, soll an dieser Stelle erzählt werden. Sie spielt etwa 140 Jahre später ebenfalls am Canal Saint-Martin. Anna Grass hatte es wieder einmal nach Paris verschlagen. Sie fand Unterschlupf bei der Mutter von Yannick Aubron in der Rue Alibert 11. Yannick, seit Kindesbeinen und Kriegszeiten mit Annas Familie in der Schweiz verbunden, sollte später Arbeiterpriester in der Banlieue von Paris werden. Sein Zuhause war nur wenige Schritte vom 1951 auch schon idyllischen Canal Saint-Martin entfernt: Fasziniert malte Anna einen Ausschnitt von Häusern auf der anderen Kanalseite. Sie haben von ihrer Aura nichts verloren, wie Anna und wir jetzt feststellten. Für Anna und Günter Grass, jung verheiratet und nahezu mittellos, boten die Aubrons in der Rue Alibert 11 bei ihrem Umzug nach Paris eine allererste, vorübergehende Adresse. 

Das frühe Aquarell der jungen Anna Grass wird neben anderen Werken von ihr und von Günter Grass derzeit unter dem Motto „Anna & Günter Grass – die Pariser Jahre des Künstlerehepaars“ von unserer Stiftung im Goethe-Institut Paris gezeigt. 

Die Ausstellung wurde am 15. September vor rund 220 Gästen eröffnet. Professorin Miłosława Borzyszkowska-Szewczyk, Literaturwissenschaftlerin aus Danzig, Aktivistin und Expertin für die Kaschubei und deren Menschen, hielt einen viel beachteten Vortrag zur Pariser Geburtsstunde des Romans Die Blechtrommel:  Zwischen „Beschwörung von Verlusten“, jungem Familienleben eines Künstlerpaars und einer „herzgrauen“ Freundschaft mit Paul Celan. Und sie betonte die Relevanz der Grass’schen Literatur aus heutiger Perspektive, „in einer turbulenten Zeit, in der Europa erneut zum fremdenfeindlichen Ort wird. An einem Zeitpunkt, zu dem die Welt wieder vermehrt dazu neigt, der dichotomen, schwarz-weißen Wahrnehmungsmatrix und den Erzählungen der Rechten zu folgen, gegen die Günter Grass seinen poetischen Weltentwurf richtete, um ihre Mechanismen zu entblößen.“

Anna Grass – mit einer stattlichen Anzahl von Familienmitgliedern angereist – brachte dem Publikum ihre französischen Wurzeln und Liebe zu Paris näher. Für ihre charmante und humorvolle Rede erntete sie lang anhaltenden Beifall. Ambiente und Inhalte in den beiden Ausstellungsräumen stießen bei den Besuchern einhellig auf Sympathie und Zustimmung. Auch in den Folgetagen hielt das Interesse an. Gruppen von jugendlichen Sprachschülern wurden ebenso mit den Exponaten und Medienstationen vertraut gemacht wie Teilnehmende von Literaturkursen mit dem Werk von Günter Grass. Die Konferenz mit 200 Deutschlehrerinnen und -lehrern aus Frankreich hatte sich zum Germanistentag im Goethe-Institut versammelt, und die angereisten Lehrkräfte waren ein besonders interessiertes Publikum. 

Wir, die Ausstellungsmacher, freuen uns derweil über die Resonanz auf die Besonderheiten in der Ausstellung: den schattenwerfenden Blechtrommler aus Draht (die Skulptur von Marietta Armena) beispielsweise, eine erstmals veröffentlichte Erzählung von Anna Grass über den Besuch des Künstlerpaares bei dem italienischen Maler Giorgio Morandi (1890-1964) – einer Inspirationsquelle für beide – die die Schauspielerin Helene Grass für die Ausstellung eingelesen hat, schließlich die Teilnahme von Günter Grass an einer internationalen Werkschau „Dichtende Maler, malende Dichter“ 1957 in St. Gallen – und nicht zuletzt den Mitschnitt der nur einmalig 1972 vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks aufgeführten Konzertfassung der „Vogelscheuchen“. Sie tauchte erst wenige Tage vor Beginn der Ausstellung im Rundfunkarchiv auf. Es handelt sich um die Komposition zum Grass-Ballett „Die Vogelscheuchen“ von Aribert Reimann, die der Komponist Anna Grass gewidmet hat. Sie freute sich sehr, das Stück nach so langer Zeit wieder hören zu können. Und noch ist die Ausstellung nicht zu Ende…

Balletttänzer Frank Frey tanzte die Solopartie in der Uraufführung „Die Vogelscheuchen“ an der Deutschen Oper Berlin, die am 7. Oktober vor 55 Jahren über die Bühne ging. Im Goethe-Institut Paris erinnerte er sich gemeinsam mit Anna Grass, die an der Choreografie mitwirkte, an die damalige Ballettszenerie, an Karrieren und an die Knochenarbeit auf dem Parkett. Auch mit seinen inzwischen 78 Jahren macht Frey an der Ballettstange noch eine sehr gute Figur.

Ortswechsel:
Das Musée Maillol befindet sich in der Rue Grenelle im 7. Arrondissement. Das prachtvolle Gebäude, früher als Hôtel Bouchardon bekannt, stammt aus dem 18. Jahrhundert. Gerade sind es die großartigen Bilder des französischen Fotografen Robert Doisneau (1912 – 1994), die dort die Menschen in eine große Sonderschau locken: Paris in den 50er Jahren, Künstlerfreundschaften und Aufnahmen aus der Arbeitswelt. Hauptsächlich beherbergt das Kunstmuseum Werke der Sammlung des französischen Bildhauers und Malers Aristide Maillol. Vor 30 Jahren gründete Dina Vierny diesen besonderen Ort mit seinen monumentalen Skulpturen, Vierny war viele Jahre lang Modell und Muse von Maillol – und seine enge Vertraute. Über sie führt auch eine Verbindung zum jungen Ehepaar Grass. Anna hat die künstlerisch wie politisch umtriebige Dina noch vor Augen. Und Günter erwähnte sie in seinem autobiografischen Buch „Beim Häuten der Zwiebel“.

Als angehender Bildhauer hatte er Anfang der 50er Jahre in Düsseldorf die Kunsthändlerin Vierny kennengelernt. Sie verliebte sich offenbar in Manfred Klein von Diepold, einen Studienkumpel von Grass; jedenfalls nahm sie ihn mit nach Paris. Dort trafen Günter und Manfred sich wieder, mussten sogar gemeinsam eine Nacht im Gefängnis verbringen, weil sie gegen den Algerienkrieg und den angehenden Staatspräsidenten Charles de Gaulle demonstriert hatten. Die Brutalität der Ordnungskräfte riefen bei Grass erstmals wieder Gedanken der Rückkehr nach Westdeutschland hervor. Dort hätte er sich mit den Polizisten wengistens in seiner Sprache auseinandersetzen können. Aus der Liaison zwischen Dina und Manfred ging der gemeinsame Sohn Bertrand hervor, der später mit seinem Halbbruder Olivier das Musée Maillol leitete – bis zu seinem Tod 2019. Anna Grass erinnert sich an Manfred als einen „netten Ehemann und Vater“, der Temperament und Launen seiner Partnerin offenbar zu ertragen wusste. Günter und Manfred begegneten sich immer weniger.

Zu guter Letzt

—- Die Günter Grass Stiftung Bremen bietet eine neue Veranstaltungsreihe unter dem Motto „Grass Grenzenlos“ an. Namhafte Künstler aus unterschiedlichen Ländern und Generationen werden miteinander ins Gespräch gebracht über ihr Schaffen. Den Auftakt machen am 14. November 2025 Pit Holzwarth und Anna Wakulik. Der Bremer Dramatiker und Regisseur und seine Danziger Kollegin arbeiten derzeit an Stücken über Günter Grass, die im Jahr 2027 anlässlich seines 100. Geburtstags in Bremen und Danzig uraufgeführt werden. Im Austausch miteinander lassen Holzwarth und Wakulik teilhaben am Entstehungsprozess ihrer neuen Werke. Die Veranstaltungsreihe entsteht in Kooperation der Günter Grass Stiftung Bremen mit der bremer shakespeare company, dem Festival Globale und der City of Literature. Veranstaltungsort ist das Silo-Hotel John & Will auf der Überseeinsel (Auf der Muggenburg 50). Die Gespräche finden um 19.00 Uhr in der Lounge mit Blick über die Weser statt. 

 —- Am 5.12. 2025 folgt ebenfalls um 19.00 Uhr und wieder bei freiem Eintritt eine Veranstaltung mit dem tschechischen Dichter, Übersetzer und Diplomaten Tomas Kafka und der ukrainischen Bachmann-Preisträgerin Tanja Maljartschuk. Für beide Veranstaltungen wird um Anmeldung gebeten: desk@grass-medienarchiv.de