Frühjahrs-Journal 2026 – Medienarchiv Günter Grass Stiftung Bremen
Grass‘ Wörter
Günter Grass Anfang der 1960er Jahre in Düsseldorf – wo er von 1947 bis 1953 lebte, studierte und arbeitete, „auch bei der Restauration der großen Bankpaläste“, wie er damals ironisch bemerkte. Er verließ die Stadt, weil sie nach Kriegsende sofort an alte Traditionen anknüpfte, „Klein-Paris“ zu spielen versuchte und der Wiederaufbau für Grass zu schnell ging. „Die Leute kamen mit dem Kopf nicht so ganz nach.“
Liebe Literaturverbundene,
ich möchte Sie heute mitnehmen in das Günter Grass-Jahr 1966, in dem der Schriftsteller vor allem als gesellschaftspolitischer Ein- und Mitmischer von sich Reden machte. Das Land befand sich in einer Noch-Wohlstandsphase, aber Risse im Vollbeschäftigungsmodell wurden sichtbar, die erste Rezession der Nachkriegszeit machte sich bemerkbar. Ebenso spürbar war ein kultureller Wandel in der Gesellschaft. Traditionen wurden infrage gestellt, das Verhalten von Machthabern und Autoritäten attackiert. 1966 – ein Jahr des Übergangs.
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Günter Grass war gar nicht so froh und freimütig wie erwartet ins neue Jahr gestartet. Am 17. Januar 1966 schrieb er an die Verlegerin Helen Wolff: „Mir geht es nicht besonders; das letzte Jahr mit den Wahlstrapazen und den gleich anschließenden Theaterproben war anstrengender als ich naiverweise vermutete habe. Auf dringendstes Anraten von verschiedenen Seiten mußte ich mich entschließen, die Amerikareise abzusagen.“ Seinen ansonsten so robusten Kräften wurden Grenzen gesetzt. Seit Mitte 1965 hatte ihn die Politik am Wickel. Auf zwei Wahlkampfreisen durch die Republik warb er für die SPD und deren Kanzlerkandidaten Willy Brandt. Sein Engagement unter dem EsPeDe-krähenden Hahn sollte für ihn sieben Jahre lang zu einer Dauerbeschäftigung werden. Er hielt zahlreiche Reden und veröffentlichte Essays, in denen er sich differenziert mit der deutschen Teilung auseinandersetzte und einer Verständigung mit dem Osten das Wort redete.
Zu Beginn des Jahres bereitete Grass auch das künstlerische Schaffen Kopfschmerzen. Sein Bühnenstück „Die Plebejer proben den Aufstand“ wurde am 15. Januar am Berliner Schiller-Theater uraufgeführt. Inhalt: Eine fiktive Theaterprobe mit einem „Chef“ als Regisseur (Grass hatte dabei Bertolt Brecht im Blick), kombiniert mit dem realen Geschehen vom 17. Juni 1953, dem Aufstand der Industriearbeiter in Ostberlin nämlich, die gegen Normerhöhungen protestierten. Die sowjetischen Behörden verhängten umgehend Ausnahmezustand mit Schießbefehl. Das von Grass als „deutsches Trauerspiel“ benannte Stück zeigt das Scheitern der aufbegehrenden Arbeiter ebenso wie eine zögerliche, politisch unmotivierte Haltung von Intellektuellen – die Ohnmacht vor der Macht. Die Premiere jedenfalls, vom DDR-Ministerium für Staatssicherheit genauestens beobachtet und protokoliert, erntete überwiegend negative Kritik. Willy Brandt allerdings, der die zweite Aufführung besuchte, fand lobende Worte: „Meine Frau und ich saßen nicht zusammen – umso besser konnten wir vergleichen, wie sehr wir aufgewühlt waren, uns engagiert fühlten, aber eben mehr als einmal auch nahe am Heulen waren. Dies ist ein großes Stück deutscher Nachkriegsdichtung. Das kann durch klugscheißerische Kritiken nicht kleiner gemacht werden.“ Aber ausgerechnet von der ihm nahestehenden SPD fühlte Grass sich missverstanden. Später erklärte er in einem Brief an Sozialdemokrat Horst Ehmke: „Ich habe versucht, mit … ‚Die Plebejer proben den Aufstand‘ eine gesamtdeutsche Geschichtsfälschung zu korrigieren. Aber auch dieser Versuch war wohl nicht eindeutig genug, um die SPD zu einem Dialog zu bewegen.“ Grass war überzeugt, dass die Rebellion der DDR-Arbeiter in konservativen Kreisen als deutscher „Volksaufstand“ umgedeutet wurde, der die Forderung nach einer Wiedervereinigung untermauern sollte. Von der zwiespältigen Aufnahme seines Dramas berichtete er auch Helen Wolff: „Aber – und hier bin ich gewiss – dieses Stück ist nicht totzubekommen.“ So kam es dann auch, blieb aber stets umstritten.
Aus dem Medienarchiv
Mit dem nachlassenden Winter kam Grass wieder zu frischen Kräften, jedenfalls nahm er die Vorbereitungen für seine USA-Reise wieder auf. Vor allem wollte er an der Tagung der Gruppe 47 in Princeton teilnehmen. Wie schon 1964 wählten er und seine Frau Anna, die sich auf einen Ballettkurs bei Martha Graham freute, ein Kreuzfahrtschiff, um gemeinsam nach New York zu reisen. Am 7. April bestiegen beide in Genua die nagelneue „Michelangelo“ und steuerten einer stürmischen Überfahrt entgegen. Mit an Bord: Dichterkollege Uwe Johnson und Verleger Klaus Wagenbach. Am Morgen des 12. April ereignete sich das Unglück. Eine Monsterwelle erfasste die vorderen Aufbauten des Luxusliners und zerstörte mehrere Kabinen; zwei Passagiere starben, viele wurden teils schwer verletzt. Wagenbach, wie Anna Grass von Flugangst geplagt, erinnerte sich in seinem Buch „Die Freiheit des Verlegers“: „Auf dem Weg nach Genua besuchten wir Giangiacomo Feltrinelli, der uns noch warnte: ‚Italien ist keine Seefahrernation‘. Er sollte recht behalten. Grass fuhr erste Klasse, ich dritte, in der zweiten trafen wir uns zum Skatspielen. Am vorletzten Tag begann das Schiff zu schaukeln, schließlich so stark, daß die Polstermöbel von der einen auf die andere Seite des Salons schossen, am Ende die Panoramafenster durchbrachen und im Meer verschwanden. Das Schiff begann, sich von innen zu zerstören, einschließlich (und hörbar) riesiger Mengen an Geschirr. Und dann kam das Wasser. In Kniehöhe blieb es stehen, wir waren gerettet.“ An Helen Wolff, die tags darauf am Kai wartete, ging das Telegramm:
HEALTHY ANNA GÜNTER KLAUS
„Anna & Günter Grass – Die Pariser Jahre des Künstlerehepaars“
sein. Sie wird am 12. Mai 2026 um 18:00 Uhr im Institut français Bremen eröffnet und dauert bis zum 17. Juni 2026.
Die Sitzung der Gruppe 47 vom 22. bis 24. April in Princeton wurde für Grass auch kein Vergnügen. Aber als kampferprobter und vom Wahlkampf gestählter Zeitgeist scheute er keinen Konflikt. Wegen des Vietnam-Krieges der Amerikaner wurde die Wahl des Tagungsortes teilweise scharf kritisiert. Manche Literaten verließen den geschlossenen Hotelsaal, um am studentischen Teach-in gegen die US-Intervention teilzunehmen, darunter Hans Magnus Enzensberger, Reinhard Lettau und Peter Weiss, die sich wie Erich Fried und Martin Walser ohnehin seit längerem eine anders orientierte Gruppe wünschten. Zum Eklat kam es, als ein junger, noch relativ unbekannter Peter Handke mit der Literatur der Gruppe hart ins Gericht ging: Sie sei läppisch, die Sprache öde und das Ganze konventionell in einem Kreis von „Beschreibungsimpotenz“. Eine seiner ersten „Publikumsbeschimpfungen“. Sie bewirkte eine gewisse Erstarrung unter den Anwesenden. Für weitere Erregung sorgte die Rede von Günter Grass, umständlich betitelt: „Vom mangelnden Selbstvertrauen der schreibenden Hofnarren unter Berücksichtigung nicht vorhandener Höfe“. Darin kritisierte er einmal mehr das mangelnde gesellschaftliche Engagement von Schriftstellern und griff dabei Peter Weiss persönlich an: „Ich sehe nur – und mich eingeschlossen – verwirrte, am eigenen Handwerk zweifelnde Schriftsteller und Dichter, welche die winzigen Möglichkeiten, zwar nicht beratend, aber handelnd auf die uns anvertraute Gegenwart einzuwirken, wahrnehmen oder nicht wahrnehmen oder halbwegs wahrnehmen.“ „Scheußlich“ fand Erich Fried das Gesagte und drückte seine Wut in einem Schmähgedicht aus: „Grass-Grässlichkeiten“.
Gabriele Wohmann, als eine der wenigen Frauen in Princeton dabei, zeigte sich auf andere Weise beeindruckt: „Für Gedichte gelobt wurde nur Grass, längst nicht mehr seekrank, aber noch böse auf Ozean und Michelangelo – zu seinem Erfolg trug wieder bei, was er beim Lesen bietet: keineswegs bloß den Text. Sicher und eindrucksvoll sitzt er da, selbstbewußt auf die überzeugende Art, er spricht genau richtig, weiß, wie lang er seine Zuschauer beanspruchen kann. Dies Beiwerk ist von Bedeutung.“ Jedenfalls sorgte der auswärtige Auftritt der deutschsprachigen Dichterinnen und Dichter daheim für heftige bis polemische Pressereaktionen. Anna Grass schrieb im Juni an Uwe Johnson, dass ihr Mann Hans Werner Richter, Spiritus rector der 47er, besuche, dem es nicht gut gehe. „Viel böses Geschreibe über die Gruppe … was müssen wir doch in einem Land mit so viel gehässigen Leuten leben.“
„Meine Warnung habe ich ausgesprochen“
1966 begannen die Dreharbeiten zur Verfilmung der Grass-Novelle „Katz und Maus“. Ursprünglich sollte das Projekt schon Mitte 1963 in Danzig starten. Doch der beauftragte Regisseur Walter Henn starb überraschend; ihm widmete Grass seinen Roman „Hundejahre“. Die Aufgabe übernahm schließlich Hansjürgen Pohland. Mit seiner Adaption von „Katz und Maus“ tat sich der Schriftsteller schwer, er machte Änderungsvorschläge, weil für ihn der „literarische Ton“ und die „politische Pauschalierung“ auseinanderklafften. Am Ende entsprach die allzu freihändige Übersetzung nicht seinen Vorstellungen. Vor allem müssen ihn die satirischen Zuspitzungen – etwa bei der Onanieszene oder im Umgang mit dem Ritterkreuz – verärgert haben. Und prompt kam es auch zum Skandal: „Schändung“ von Militärsymbolen und Darstellung von Sexualität empörten nicht nur rechte Kreise und führten zu Klagen. Schließlich erregten auch noch die Darsteller im Film die Gemüter, allen voran die Söhne von Willy Brandt, Lars und Peter, linksliberal geprägt, die beide die Hauptfigur Mahlke spielten. Ihre Besetzung beschäftigte sogar den Bundestag. Im September warnte CSU-Chef Franz Josef Strauß die SPD-Fraktion: „Tun Sie das Ihre, daß die Darbietung von hohen Orden, getragen von jungen Leuten prominenter Politiker, und das in dem Falle in Danzig bei der Verfilmung eines Stückes von Günter Grass, entweder überhaupt nicht erfolgt oder nicht veröffentlicht wird. Sie wissen, was ich meine.“
Günter Grass wurde zu einem der schärfsten Kritiker von Franz Josef Strauß. Als sich Ende 1966 die Bildung einer Großen Koalition in der Bundesrepublik abzeichnete, erzürnte er sich bei Willy Brandt, dass ein „F.J. Strauß“ nie wieder Minister werden dürfe und verwies darauf, dass Strauß in der sogenannten Spiegel-Affäre das Parlament belogen habe. „Lieber Willy Brandt, meine Warnung habe ich ausgesprochen: Sie haben diese Warnung bestätigt. Uns allen, die wir außerhalb stehen, fehlt es an Macht, die sich anbahnende, und wie ich meine, unglückliche Entwicklung zu verhindern. Wir können Telegramme aufsetzen, Briefe schreiben, wir können Worte machen; Sie aber haben es immer noch in der Hand, diese Liaison, die sehr bald herabschätzend ‚Die große Kumpanei‘ genannt werden wird, zu trennen, bevor sie sich paart.“ Grass‘ Haltung und Überzeugung standen im Kontrast zur Politik der Großen Koalition. Diese aber kam dennoch, Strauß wurde Finanzminister.
1966: Das ganze Jahr blieb Günter Grass im Gespräch – mehr als engagierter Staatsbürger denn als Literat. „Meine Hoffnung, der Ansturm der Öffentlichkeit werde, weil ich zur Zeit ‚kein Buch auf dem Markt‘ habe, etwas nachlassen, trog.“, schrieb er seiner Freundin Helen Wolff im Oktober. Leute versuchten, ihm die Bude einzurennen. Er habe nun mit einem neuen Manuskript begonnen und müsse sich schützen und verkriechen. „Sonst bin ich alsbald nicht mehr der Schriftsteller Günter Grass, sondern der public relations man eines Schriftstellers, der so geheißen hat.“ Vorher allerdings übernahm er gemeinsam mit Elisabeth Borchers und Klaus Roehler die Redaktion und Herausgeberschaft von „Luchterhands Loseblatt Lyrik“. Die moderne, damals einzigartige Poesie-Reihe erschien im Luchterhand Verlag und sollte auf Einzelblättern oder in Heften Gedichte von zeitgenössischen Autorinnen und Autoren verbreiten. Teilweise enthielten die losen Blätter in Bütten-Umschlägen grafische Illustrationen – geeignet als Wandschmuck. Anfänglicher Kommentar von Grass: Die Sache „läßt sich ganz gut an“.
Ein Produkt aus 1966: Eine „Blechtrommel“ als einmalige Sonderausgabe, erschienen im Luchterhand Verlag. Den Umschlagentwurf für den Roman fertigte Günter Grass selbst. Der Schutzumschlag für die besondere Ausgabe wurde vom Grafiker Karl Gröning mit farbigem Kreis-Layout bearbeitet. Ein Sammlerstück.
Zu guter Letzt
—- „Es war eine tanzwütige Zeit. Wir, die Geschlagenen, waren süchtig nach der auf Dauer eines Blues befreienden Musik der transatlantischen Sieger.“ Daran erinnerte sich Günter Grass in „Beim Häuten der Zwiebel“. Die Tanzlust hatte in den 1950er Jahren feilich ihre Grenzen. Es musste gesittet und melodisch zugehen, Swing und Jazz waren in der Noch- und Nachkriegsgeneration keine kultivierte Tanzmusik.1959 erschien „Die Blechtrommel“ von Günter Grass. Darin eine Szene, die zum Ausdruck des Widerstands gegen die NS-Ideologie wird: Der kleine Oskar Matzerath, die Hauptfigur des Romans, versteckt sich mit seiner Trommel unter der Tribüne einer Nazikundgebung und bringt die Marschmusik mit Walzer- und Jazzrhythmen durcheinander. Der Autor Helmut Böttiger hat ein kluges, sehr empfehlenswertes Feature über die deutsche Literatur und den Jazz produziert: „Oobliadooh!“. Man kann sich die Sendung, die auch vom Siegeszug des Jazz nicht nur in der Literatur erzählt, noch einmal im Archiv von Deutschlandfunk Kultur anhören.
https://www.deutschlandfunkkultur.de/suche
—- Das Günter Grass-Haus in Lübeck wartet mit einer neuen Ausstellung auf, die als Erlebnis für die ganze Familie konzipiert ist. „Helme Heine – Es war einmal …“ widmet sich einem der bedeutendsten Bilderbuchkünstler unserer Zeit. Seine Figuren, etwa die „Freunde“ aus Mullewapp oder der kleine grüne Drache Tabaluga sind weltweit bekannt. Erstmals werden auch Werke präsentiert, die Heine eigens für das Günter Grass-Haus geschaffen hat und die auf den Nobelpreisträger und auf Lübeck Bezug nehmen. Die Ausstellung läuft vom 26. April 2026 bis zum 10. Januar 2027.
https://grass-haus.de/
—- Die Akademie der Künste in Berlin, Kooperationspartner der Günter Grass Stiftung Bremen, möchte die Leitung für das Archiv Film- und Medienkunst neu besetzen. Personen, die sich für die Stelle qualifiziert und sich dazu berufen fühlen, können sich bis zum 3. Mai 2026 bewerben.
https://interamt.de/koop/app/stelle?0&id=1431646